MHIZ-Schaufenster-Galerie 2004 - Sie können auch die Galerien 2002, 03, 04, 05 , 06 und 07 besuchen.

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Dezember

 

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Anonym, [Heilige Maria mit Kind]
Escholzmatt, Kanton Luzern,
Mitte 19. Jahrhundert,
Hinterglasmalerei, 23 x 17cm.
Medizinhistorisches Museum der Universität Zürich, Inv.-Nr. 12’981.

 

Das Votivbild wurde als Exponat für die in Vorbereitung befindliche Ausstellung Paul Klee und Medizin ausgewählt.
Paul Klee betrieb die alte Technik der Hinterglasmalerei mit ihrer einfachen Erzählweise und den starken, leuchtenden Farben zeitweise intensiv. Hinterglas- und Votivbilder waren für Klee und seine modernen Zeitgenossen ausdrucksstarke Zeugnisse einer unverbildeten, unmittelbaren Kunstauffassung.

   
         

November

 

Das Bild des Monats diesmal wieder als Preisrätsel !

Abgebildet ist ein „Federdreh“-Bürostuhl der Firma Giroflex (Koblenz AG) aus den 1930er Jahren. In seinen letzten Lebensjahren besass ein damals weltweit bekannter Zürcher Arzt diesen Stuhl im doppelten Wortsinn.
Wie ist sein Name?

Foto: Franz Böttcher, MHIZ

     
Eine Ratehilfe: Seine speziellen diätetischen Gesundheitsregeln beinhalteten auch eine angemessene Bewegungskultur. Mit dem „Federdreh“ hatte Albert Stoll II in der ebenso schweizerischen wie deutschen Stuhlfabrik seines Vaters in den 1920er Jahren den ersten Bürodrehstuhl mit Abfederung entwickelt. Das abgebildete historische Modell des Zürcher Arztes ist ein Geschenk von Martin Stoll, dem ehemaligen Besitzer der Martinstoll GmbH & Co. KG in Waldshut-Tiengen (D), an das Institut. Die Firma hat im übrigen auch den von Dominique Perrault für die Bibliotheque Nationale in Paris entworfenen Lesestuhl realisiert. Ein weiteres Beispiel der engen Verbundenheit von Geist, Gesundheit und Gesäss.   Unter den richtigen Antworten an die Webmistress wird ein Katalog der noch bis Ende Januar 2005 im Museum Mühlerama gezeigten Ausstellung über das Müesli verlost.(Einsendeschluss Ende Dez. 04)

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Paul Klee beim Malen in seinem Atelier am Kistlerweg 6 in Bern 1939, ©NFK.

Im Frühjahr2005 wird das Medizinhistorische Museum Werke von Paul Klee beherbergen.

Für die Ausstellung unter dem Titel Paul Klee und die Medizin wird erstmals sein Atelier in Bern in Originalgrösse rekonstruiert.

     
     

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Mehr zum Bild des Monats September:

Herz; Votivgabe

Inv. Nr. 1242
Rotes Wachs, Reliefguss, Höhe 8,5 cm


Unter dem Titel "Halbes Herz – ganzes Leben. Eine Fotoreportage von Christian Wyss aus dem Kinderspital Zürich" findet eine Ausstellung im Museum Bärengasse, Zürich statt, die auch mit Stücken aus unserer Sammlung wie diesem Votivherz aufwarten kann.

     
Eine Ausstellung geht ans Herz

Das Museum Bärengasse in Zürich zeigt mit der Fotoreportage «Halbes Herz - ganzes Leben» auf eindrückliche Weise das Leben eines Mädchens mit angeborenem Herzfehler. Die 50 grossformatigen Schwarz-Weiss-Bilder des Fotografen Christian Wyss bilden das Zentrum der Ausstellung. Eine textile Rauminstallation des Zürcher Künstlers Andreas Rudolf zum Thema "Herzfrequenz" und eine mit "Herzstücken" eingerichtete Kammer aus den Sammlungen des Schweizerischen Landesmuseums und des Medizinhistorischen Instituts und Museums der Universität Zürich ergänzen diese Sonderausstellung.

 

 

Der diesjährige Weltherztag vom 26. September steht ganz im Zeichen herzkranker Kinder. In der Schweiz werden pro Jahr 700 bis 800 Kinder mit einem Herzfehler geboren, was einem Prozent der Neugeborenen entspricht.

«Halbes Herz - ganzes Leben». Eine Fotoreportage von Christian Wyss aus dem Kinderspital Zürich.

Museum Bärengasse

24. September bis 31. Dezember 2004

Weitere Informationen unter http://www.musee-suisse.ch/baerengasse

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Zum Bild des Monats:

Werbepostkarte für Ärzte der Firma Dr. E. Keller, Zürich 7, hergestellt von Max Dalang & Co., Zürich, mit Werbung für das Wurmmittel „Antivermol“. Die Karte wurde 1941 von Genf an Dr. med. Franklin Bircher in der Bircher-Benner-Klinik geschickt.
Quelle: Bircher-Benner-Archiv am Medizinhistorischen Institut und Museum der Universität Zürich, Bestand Patientendossiers, Nr. 9161.

     

Der anstehenden Olympiade im Land der Götter muss selbst die Medizingeschichte ihren Tribut zollen. Herkules (in seinem griechischen Pass stand: „Herakles“) war bekanntlich das Produkt eines Seitensprungs des Zeus mit der ahnungslosen Alkmene. Kein Wunder, dass Zeusens eifersüchtige Göttergattin Hera dem illegitimen Nachkommen zwei Schlangen in die Wiege schickte, auf dass sie ihn töten sollten. Der Kleine kehrte den Spiess indes um, rang die Schlangen nieder und stellte damit nebenbei seine göttliche Herkunft unter Beweis.
Es ist eine alte Tradition, Arzneimitteln für allzu menschliche Beschwerden eine übernatürliche, göttliche Wirkung zuzuschreiben, auch wenn es hier nur noch augenzwinkernd geschieht. Das Wurmmittel „Antivermol (Cupro-Fortonal)“ sollte den Oxyuren (genauer Oxyuridae, auch Madenwürmer genannt, eine Familie der Nematoden, Parasiten bei Wirbeltier und Mensch, wie uns das Roche-Lexikon Medizin belehrt) mit herkulesgleicher Kraft den Garaus machen.

  Ihre volle verkaufsfördernde Wirkung konnte die Werbepostkarte der 1940er Jahre nur bei denjenigen Ärzten entfalten, die geistig fest im humanistischen Bildungskanon verwurzelt waren. Aber dies entsprach ja auch dem verbreiteten ärztlichen Selbstbild nicht nur dieser Epoche.
In diesem Athener Sommer ist das Schlangenwürgen (noch) keine olympische Disziplin, auch wenn es von den Zuschauern insbesondere bestimmter Fernsehsender sicherlich goutiert würde. Ob die Athener Athleten neben allen anderen Mittelchen eine Wurmkur noch vertragen würden, ist ebenfalls fraglich.
Herzlichen Dank an unseren Kollegen Herrn Hans Balmer, der das Schmuckstück mit seinen aufmerksamen Augen beim Bearbeiten der Bircher-Benner-Patientendossiers entdeckt hat
(wo)

 

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Bild des Monats:

Das Kurhaus von Vals um 1900. Aus einem Werbeprospekt im Medizinhistorischen Archiv.

Das Medizinhistorische Archiv und die Medizinhistorische Bibliothek besitzen reiche Quellen zur Bädergeschichte.

Mehr über alpine Heilquellen finden Sie zur Zeit im Bündner Naturmuseum in Chur, wo unsere Sonderausstellung "Kräuter, Kröpfe, Höhenkuren" noch bis 15. August zu sehen ist.

     

Zur Geschichte von Vals

Vals liegt im vom Lugnez abzweigenden Valsertal auf 1256 Meter ü.M. Bei den zwei Quellen von Vals handelt es sich um eisenhaltige Gipsthermen mit einer Temperatur von 25,2 °C.

Ein Badhaus in Vals wird im 17. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt. 1854 baute man ein Kurhaus.

Mit dem Bau der Fahrstrasse durchs Lugnez gab es ab 1897 mehr Gäste, doch nach der Jahrhundertwende flaute ihre Zahl wieder ab.


 

In den 1960er Jahren kam es zum Neubau eines Kurkomplexes. Zugleich ist das «Valser» als Tafelgetränk lanciert worden.

Die Gemeinde Vals kaufte 1983 die Therme mitsamt Hotels. 1986 wurde dem Bündner Architekten Peter Zumthor der Auftrag erteilt, ein neues Bad zu bauen, welches 1996 eröffnet werden konnte. Schon zwei Jahre später ist die Therme mit ihren geschichteten Wänden aus Valser Quarzit unter Denkmalschutz gestellt worden.
Aktuelles unter www.vals.ch und www.therme-vals.ch

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Joachim Vadian
Gelehrter, Politiker und Stadtarzt von St. Gallen

1484 - 1551

Stich von David Herrliberger nach einer älteren Vorlage.

Original im Medizinhistorischen Archiv

13,8 x 8,8 cm

     

Der St.Galler Joachim Vadian gehörte zu den führenden Köpfen des schweizerischen Humanismus; als Bürgermeister und Reformator nahm er bestimmenden Einfluss auf die konfessionspolitische Entwicklung seiner Vaterstadt.
Vadian studierte in Wien humanistische Philologie, wirkte als Dozent, Geograph sowie als Dichter und schloss als Doktor der Medizin ab. Das Studium der Medizin ist gut dokumentiert durch handschriftliche Randbemerkungen in den Büchern seiner bedeutenden Bibliothek, sein ärzliches Wirken spiegelt sich in der Korrespondenz, chronikalische Zeugnisse zeigen, wie Vadian als Arzt von seinen Zeitgenossen wahrgenommen wurde.

 

Berühmt wurde Vadian als Gelehrter und Politiker. Die medizinische Ausbildung und die Wahl zum Stadtarzt von St. Gallen bildeten wichtige Etappen in seiner äusserst erfolgreichen Karriere, von einer Berufung Vadians zum Arzt wird man aber nicht sprechen können.

Dr. Rudolf Gamper, seit 1995 Bibliothekar der Vadianischen Sammlung in St.Gallen, berichtet in der Medizinhistorischen Vortragsreihe am 10. Juni mehr über Vadian.

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Zusammenklappbarer Gebährstuhl,

Anfang 18. Jahrhundert

109 x 76 x 77 cm

Sammlung Ciba, Medizinhistorisches Museum der Universität Zürich

Inv.-Nr. 11610

 

     

Gebährstühle sind von der Frühen Neuzeit bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts oft verwendet worden. Von der sitzenden Gebährstellung erhoffte man sich einen schmerz- und komplikationsärmeren Geburtsverlauf. Die Gebährstühlebefanden sich entweder in Familienbesitz oder wurden von der Hebamme mitgebracht. Das Medizinhistorische Museum besitzt mehrere Modelle.

 

 

 

Und die Geburt heute? Am 13. Mai spricht im Medzinhistorischen Text- und Realienseminar »Irrwege in der Medizingeschichte«

Prof. Dr. Willy Stoll, Aarau, zum Thema:

Kaiserschnittfrequenz: Die Geburt per vias naturales – ein geburtsmedizinischer Irrweg?

 

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Zum Bild des Monats:

Rudolf Virchow (1821-1902) in seinem Pathologischen Museum

Medizinhistorisches Archiv, Druck nach Stahlstich (Ausschnitt)

Mehr zum Thema im Abendvortrag vom Donnerstag, 15. April 2004:
Das Berliner Medizinhistorische Museum und die Veröffentlichung des Körpers

Referent: Thomas Schnalke, geb. 1958. Er besetzt seit 2000 die Professur für Geschichte der Medizin und Medizinische Museologie an der Medizinischen Fakultät Charité der Humboldt-Universität zu Berlin, verbunden mit der Leitung des Berliner Medizinhistorischen Museums.

 

 

Seit über 100 Jahren gibt es an der Berliner Klinik Charité ein Museum. Es hiess zunächst „Pathologisches Museum“. Sein Urheber, der weltberühmte Pathologe Rudolf Virchow, eröffnete es im Jahre 1899 und bestückte es bis Ende 1901 mit 23.066 Präparaten. Auf 2.000 Quadratmetern fanden sich in grossen gläsernen Schauvitrinen beinahe alle damals bekannten Erkrankungsformen.
Ein beeindruckendes dreidimensionales Lehrbuch der Pathologie war entstanden.

 

 

In seinem Beitrag gibt der Referent einen Abriss über die Geschichte des Virchowschen Pathologischen Museums, der Vorläufereinrichtung des heutigen Berliner Medizinhistorischen Museums, um sodann die Konzeption des gegenwärtigen Museums auf dem Gelände der Charité zu skizzieren. Schließlich versucht er zu bestimmen, unter welchen Massgaben und mit welchen Zielen sich nach unserem Verständnis der sezierte menschliche Körper auch öffentlich zeigen lässt.

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Lepra - "nach der Natur gezeichnet" (1847)

Medizinhistorische Bibliothek

 

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Unser Monatsbild stammt aus dem "Atlas colorié de spedalskhed (Elephantiasis des Grecs)" von Daniel Cornelius Danielssen und Carl Wilhelm Boeck. Das monumentale Tafelwerk erschien 1847 in Bergen (Norwegen) und gilt als die erste moderne Beschreibung der Lepra. Die Krankheit ist seit frühester Zeit bekannt; trotz guten Therapieerfolgen ist sie aber in bestimmten Gegenden noch immer eine Volkskrankheit und wird gelegentlich durch Einwanderer auch heute noch in die Schweiz gebracht (im Wallis starb 1921 im Spital Brig das letzte Schweizer Lepraopfer).
Die Bezeichnung "Aussatz" wurde angeblich von Luther mit seiner Bibelübersetzung in Deutschland eingeführt. Der Begriff verdeutlicht anschaulich die soziale Ausgrenzung der Kranken und ihre Isolierung von der Gesellschaft. Die speziellen Leprakrankenhäuser (Leprosorien) befanden sich in der Regel ausserhalb der Städte, nach Möglichkeit aber an verkehrsreicher Lage, um den Betroffenen wenigstens das Betteln zu ermöglichen.
Die realistisch dargestellten Krankheitsbilder verschiedener Lepramanifestationen stammen vom Maler und Lithographen Johann Ludvig Losting (1810-1876) und regten in Norwegen zu vertieften Forschungen zur Krankheit an: so wurde im Februar 1873 der Lepraerreger von Gerhard Henrik Armauer Hansen (1841-1912), einem norwegischen Arzt und Zoologen, entdeckt, aber erst Anfang der vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts brachte eine medikamentöse Therapie erste konkrete Behandlungserfolge.
Unsere Abbildung zeigt eine 26jährige Leprakranke, bei der neben Geschwulstknötchen auch eine leichte Lähmung im Mundbereich sichtbar ist. Es ist dies eine der "harmloseren" Abbildungen des Tafelwerks. Manche der anderen Krankheitsdarstellungen könnten einen unvorbereiteten Betrachter zum Schaudern bringen!
Der Atlas ist äusserst selten und somit eine der Raritäten unserer medizinhistorischen Bibliothek.
Heidi Seger

     

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Bircher-Benners Sanatorium "Lebendige Kraft"
am Zürichberg

Diese "Gesamtansicht des Sanatoriums" findet sich in einem Anstaltsprospekt aus dem Jahre 1913 (greifbar über die Bibliothek am Medizinhistorischen Institut und Museum der Universität Zürich). Damit warb Dr. med. Maximilian Oskar Bircher-Benner (1867-1939) um Gäste für sein Sanatorium, das er 1904 am Zürichberg erbaut und bald schon um weitere Anbauten und Häuser erweitert hatte. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges waren über sechzig Patientenbetten verfügbar.

Jubiläumsfeier 100 Jahre Sanatorium 5. - 7. März 2004

     


Ein Bildprogramm


Die Vorlage zur Illustration – vermutlich eine Lithografie – war ein Auftragswerk. Auch wenn wir nicht mehr rekonstruieren können, wie der Kontakt zwischen Auftraggeber, wohl Max Bircher-Benner, und dem uns ebenfalls unbekannten Künstler verlief, können wir davon ausgehen, dass sich die Bildaussagen nach den Wünschen Bircher-Benners richteten. Was gezeigt wird, ist ein ideelles Abbild der Klinik und ihrer Umgebung, eine Verbildlichung der lebensreformerischen und therapeutischen Ideenwelt Bircher-Benners, die er in und mit seinem Sanatorium zu verwirklichen suchte.

Ein Naturraum, überdimensioniert


Vor unseren Augen erstreckt sich über einen sanft ansteigenden Hang ein weiter, ländlich geprägter Raum mit Wiesland, Bäumen, Baumgruppen und einem Nutzgarten (am Bildrand links in der Mitte) – in den Worten Bircher-Benners: ein "grosser Naturpark". Ein Netz von Wegen durchzieht diesen Raum, auffällig jene zwei parallel verlaufenden Spaziermöglichkeiten, die von Busch- und Baumwerk alleeartig beschattet werden. Ihre Ausrichtung weist hin zum locker gruppierten Gebäudekomplex, der schön besonnt, aber etwas entrückt das Parkensemble krönt: der Hauptbau des Sanatoriums mit angebautem Flügeltrakt, das Arzthaus (von uns aus gesehen links) und zwei private Villen. Ganz im Hintergrund lassen sich noch zwei weitere Wohnbauten ausmachen. Die Köllikerstrasse, die hinter den beiden Chalets (knapp oberhalb der Bildmitte) verläuft und recht eigentlich das Areal durchschneidet (deutlich erkennbar auf dem im Prospekt ebenfalls abgedruckten Geländeplan), bleibt im Bild so gut wie unsichtbar.
Was unsere Aufmerksamkeit jedoch sogleich fesselt, ist ein einzeln stehender mächtiger Baum. Erhöht auf einem Wiesenhügel thronend, heraustretend aus dem Halbrund anderer Bäume, in Abgrenzung zur strengen Geradlinigkeit des Alleenvierecks – ist es eine Linde, eine Eiche, ein Nuss- oder gar ein Apfelbaum, zu dem die Menschen einzeln oder in Gruppen hinstreben? Suchen sie seinen Schatten, erfreuen sie sich an seinen Früchten, erhoffen sie sich Vitalkraft und Erkenntnis? Gemäss Bircher-Benners Nährwertlehre, womit er die Heilwirkung der von ihm propagierten Rohkost wissenschaftlich zu begründen suchte, gelten Früchte, insbesondere Obst und Nüsse, als besonders wertvolle Nahrungsmittel. In ihnen ist, so Bircher-Benner, energetisch hochwertiges Sonnenlicht gespeichert. Wichtigster Bestandteil des Bircher-Benner’schen Kurtisches war deshalb eine Speise, die aus frisch und roh geraffelten Äpfeln, in Wasser eingeweichten Haferflocken, Nüssen, Zitronensaft und Kondensmilch bestand. Sie, liebe Leserin, lieber Leser, haben es sicher erkannt: unser aller Birchermüesli.

Licht und Luft

Die Wiesen, die Wege, die Fassaden – alles lichtumflutet, ein wohl organisiertes Arkadien, fernab der industriellen Moderne mit ihren sozialen Problemen, entrückt vom Lärm, Gestank und Gehetze der Stadt. Im Begleittext schreibt Bircher-Benner: "Am Anstieg zur Passhöhe zwischen den beiden Gipfeln [gemeint sind Adlisberg und Zürichberg], am Rande jener Waldungen liegt das Sanatorium auf einer ganz nach Süden gewendeten Biegung des Berghanges, umgeben von einer Villen- und Gartenstadt ...". Weder die Gebirgslage, auf die der Text für Ortsunkundige anspielt, noch ein städtebauliches Reformprojekt sind im damaligen Zürichbergquartier gegeben – die seit der Jahrhundertwende sich formierende Gartenstadtbewegung war ja stark genossenschaftlich ausgerichtet. Hingegen kommt im Bild zum Ausdruck, was der Verweis auf Gebirgs- und Gartenlandschaft an Assoziationen und Sehnsüchten bei zivilisationsgeplagten Stadtmenschen hervorruft: gute Luft, genügend Licht und ein Leben umgeben von Natur.


 



Wie die Rohkost, so sind auch Licht und Luft wichtige Faktoren in Bircher-Benners Gesundheitslehre. In den später verfassten "Ordnungsgesetzen" wird es heissen: "Der Lichtraub, der dem Menschenkörper widerfährt, ist eine weitere ernsthafte Lebensunordnung, daher eine ernst zu nehmende Krankheitsursache. (...) Um Krankheit zu verhüten und um die verlorene Gesundheit wieder zu finden, für beides ist die Rückkehr zur natürlichen Ordnung notwendig, ist der Himmel der Apotheker und das Sonnenlicht das Medikament." (1) Licht- und Luftbäder, Heliotherapie und Bewegung im Freien gehörten folglich zum therapeutischen Angebot, wie es auch im Bild ersichtlich wird: Eingebettet in die grosszügig gestaltete Parklandschaft finden sich etliche Lufthüttchen, und auch die Lauben der beiden Holzbauten im Chaletstil sind im Sommer als "eigentliche Lufthütten" benutzbar. (2) Bei dem von hohen Hecken und einem Arkadenbau umzäunten Geviert, schräg hinter dem Lebensbaum platziert, dürfte es sich um ein Lichtluftsonnenbad handeln. Den Kurgästen der "Lebendigen Kraft" stand überdies das grosse Luftbad des Zürcher Naturheilvereins offen, und auf dem Dach des Sanatoriumshauptbaus befanden sich ebenfalls Einrichtungen fürs Sonnenbaden.

Das Sanatorium

Wie ist die Beziehung zwischen Sanatoriumstrakt und Naturlandschaft zu denken? Wenngleich im Bild der Komplex der Steinbauten im Volumen deutlich zurückgenommen ist, erweist sich seine dominierende Stellung durch die erhöhte, hieratisierende Lage und durch die organisierende und kontrollierende Funktion, die das Sanatorium gegenüber der Landschaft wahrnimmt. Der Naturraum ist ja durchsetzt von therapeutischen Einrichtungen und durchdrungen vom Ordnungsdenken Bircher-Benners, der die Gesetzmässigkeiten, die er in einer heilen, vorindustriellen Natur am Walten sah, in den Dienst an seinen Kranken stellen wollte.
Die Natur, wie sie hier Bircher-Benner sich und uns vorstellt, ist überaus domestiziert und diszipliniert. Selbst eingepasst in ein Ordnungskorsett, gibt sie mit ihren Rhythmen den Tagesablauf vor, dessen strikte Einhaltung Bircher-Benner von seinen Kurgästen einforderte: Der gemeinsame Morgenspaziergang um punkt 6.45 Uhr war Pflichtprogramm, das abendliche Lichterlöschen hatte präzis um 21.30 zu erfolgen. "Es ist nach Ordnung, Regelmässigkeit und Pünktlichkeit zu streben" (3) – die bürgerlichen Kardinaltugenden zählten ebenso wie Sonne, Luft und Wasser zu den Heilfaktoren, von denen Bircher-Benner sich die Regeneration des in Krankheit und Unordnung geratenen Organismus versprach, ja erst durch sie kamen die Naturkräfte zu wirksamer Entfaltung.

Text: Sonja Furger

Anmerkungen:

(1) aus: Max Bircher-Benner, Vom Werden des neuen Arztes: Erkenntnisse und Bekenntnisse, Dresden 1938, S. 102.
(2) So verheisst es ein Anstaltsprospekt aus dem Jahre 1906.
(3) Ebd.

Zum Weiterlesen empfohlen:

- Albert Wirz. Die Moral auf dem Teller, dargestellt an Leben und Werk von Max Bircher-Benner und John Harvey Kellogg, zwei Pionieren der modernen Ernährung in der Tradition der moralischen Physiologie .... Zürich 1993: Chronos.
- Die Lebensreform: Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900, 2 Bde. Hg. v. Kai Buchholz et al., Darmstadt 2001: haeusser-media (der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung ist zur Zeit leider vergriffen, doch ist eine Neuauflage in Vorbereitung).

     

 

 

   

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Johann Jacob Guggenbühl (1816–1863)

Ein Pionier der Behandlung der geistigen Behinderung

Aus: J[ohann] [Jacob]. Guggenbühl
Die Cretinen-Heilanstalt auf dem Abend-Berg in der Schweiz,
Ct. Bern, Bern und St. Gallen 1853
(Medizinhistorische Bibliothek Zürich)

Der Stich aus Guggenbühls Buch (Ausschnitt) zeigt ihn mit körperlich und geistig behinderten Kindern verschiedenen Alters, die er auf dem Abendberg bei Interlaken ab 1841 aufgenommen und behandelt hat. Die «Cretinenanstalt» war die erste heilpädagogische Einrichtung für diese Kinder und machte den Arzt aus Meilen in ganz Europa bekannt. Die Anstalt wurde bereits 1863 wieder geschlossen. Sie scheiterte vor allem. an den Unzulänglichkeiten in der Betreuung der Kinder während der häufigen Abwesenheiten Guggenbühls.

Mehr dazu im Vortragsabend am 15. Januar

     
     

 

 

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